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Gottesdienste lebensnah

Im Dekanat Höxter trafen sich 30 Ehrenamtliche zur Liturgiewerkstatt „Gestaltung von lebensnahen Gottesdiensten“

Es ist ein sonniger Samstagmorgen im Oktober. In der Brüder-Grimm-Schule in Brakel trudeln die ersten Teilnehmer ein, um zu erfahren, wie es sich anfühlt, einen „lebensnahen“ Gottesdienst zu feiern und wie man lernen kann, selber solche Feiern zu gestalten.

„Der Besuch der Messe gehört für mich zwar zum Sonntag dazu, aber oft gehe ich enttäuscht und ratlos wieder nach Hause. Ich fühle mich mit den Fragen und Freuden, die ich aus meinem Alltag mitbringe, nicht aufgehoben. Das Thema dieser Veranstaltung hat mich neugierig gemacht, ob es auch anders geht.“- so beschreibt eine Teilnehmerin, warum sie zu diesem Tag gekommen ist. Viele in der Runde nicken zustimmend. Die meisten von ihnen sind als Wort-Gottes-Feier-Leiter oder im Liturgiekreis ihrer Gemeinde vor Ort aktiv. Sie wissen also, wovon sie reden.

Eingeladen zu diesem Tag hatte der Dekanatspastoralrat, der auch für die Gestaltung und Durchführung zuständig war.

„Wenn wir als Christen im Dekanat Höxter auch in Zukunft noch die Frohe Botschaft zu den Menschen bringen wollen, müssen wir offen sein für ungewohnte Wege. Wir müssen mutig neue Formen ausprobieren, mit denen die Menschen auch heute noch etwas anfangen können,- auch im Bereich der Gottesdienste.“ sagt Rita Mertens aus dem Vorbereitungsteam.

In der Turnhalle der Schule füllt sich der Stuhlkreis. In der Mitte steht ein Pult, auf dem ein jüdischer Gebetsschal liegt. Eine Kerze, die auf einem Tuch vor dem Pult steht, wartet darauf, entzündet zu werden.

Dekanatsreferentin Gisela Fritsche begrüßt die Anwesenden. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde beginnt der Vormittag – wie könnte es anders sein – mit einem etwas anderen Gottesdienst. Beim ersten Lied wird die Bibel von einem Teilnehmer in die Mitte getragen und auf das Pult gelegt. Ein anderer aus der Runde zündet die Kerze an. Anschließend ist jeder dazu eingeladen, den nun in der Heiligen Schrift gegenwärtigen Christus mit einem kleine Satz willkommen zu heißen.

Noch etwas verhalten und vorsichtig werden die ersten Gebetssätze frei in den Raum gesprochen.

Wie ein roter Faden zieht sich das Emmaus-Evangelium durch den gesamten Gottesdienst. Stück für Stück hören die Teilnehmer von den Emmaus-Jüngern: wie sie enttäuscht und ratlos zurückbleiben nach Jesu Tod; wie sie dem Unbekannten, der sich zu ihnen gesellt von ihrer Trauer und Leere erzählen dürfen; wie jener Unbekannte sich mit ihnen zu Tisch setzt und in diese Hoffnungslosigkeit den Lobpreis spricht und das Brot teilt; wie sie neu entfacht und verwandelt zurück laufen, um mit den anderen Jüngern ihr Glück zu teilen.

In kleinen Sequenzen wird die Erzählung der Emmaus-Jünger in Beziehung gesetzt zu den Erfahrungen, die die Anwesenden mit Liturgie gemacht haben.

Auf zerbrochene Tonscherben schreibt jeder seine enttäuschten und schmerzhaften Gottesdiensterfahrungen auf. In kleinen Gruppen können die Teilnehmer diese aussprechen und einander erzählen. Dann legen sie ihre Scherbenstücke mit einer laut ausgesprochenen oder stillen Bitte zur Kerze, - begleitet von dem Lied „Meine engen Grenzen – wandle sie in Weite“. Am Ende dieses Gottesdienstes dürfen sich die Mitfeiernden nacheinander zu viert oder zu fünft in die Mitte begeben, die Augen schließen und sich in Gedanken ganz bewusst unter Gottes Segen stellen, während die anderen diesen Moment mit einem Segenslied begleiten.


Und was war nun das Andere an dieser Liturgie?

„Ich habe mich beteiligt und ernst genommen gefühlt.“ sagt ein älterer Herr. Und eine andere Teilnehmerin ergänzt: „Wir waren eine wirkliche Gemeinschaft, - keiner, der da vorne steht und auf uns herabpredigt, sondern wir durften das miteinander teilen, was uns bewegt.“ Und ein Dritter äußert: „Ich habe mich Gott sehr nahe gefühlt. Das passiert nicht oft in unseren Gottesdiensten.“

Aber es machen sich auch Fragen breit. Eine Ehrenamtliche, die sich in einem Liturgiekreis engagiert, ist skeptisch, ob solche Gottesdienste von der Gemeinde wirkliche angenommen werden.

„Diese Art von Liturgie ist nicht für unsere Messfeiern am Sonntag gedacht.“ sagt Gisela Fritsche. „Aber es gibt viele andere Gelegenheiten Gottesdienste zu feiern, in denen Menschen auf solche Weise beteiligt und mit ihren Anliegen einbezogen werden: Gottesdienste mit kleinen Gruppen (z.B. in einer kfd) oder Gottesdienste, die unter einem bestimmten Fokus stehen (z.B. trauernde Angehörige) bieten die Möglichkeit, hier erste neue Schritte auszuprobieren.“

Und dann erzählt das Vorbereitungsteam, worauf es bei der Gestaltung eines lebensnahen Gottesdienstes ankommt:

„Wichtig ist, dass sich das Vorbereitungsteam selbst mit dem Schrifttext der Feier auseinander setzt und sich von Gottes Wort leiten lässt. Der Austausch über die Botschaft, die Gott uns mit dem biblischen Text mitteilt, ist die Grundlage, die alles Weitere bestimmt.“ erklärt Werner Brinkmann, der diesen Tag mit vorbereitet hat. „Wenn wir uns auf die Kernbotschaft des Schrifttextes geeinigt haben, ist der Rest nicht mehr so schwer.“

Ein weiterer Schritt ist es, vor der Gottesdienstplanung zu überlegen, welche Menschen an der Liturgie teilnehmen werden: Wie alt sind sie? Aus welchem Lebenskontext kommen sie? Welche Erfahrungen verbinden sie? Was beschäftigt sie? Welche Fragen, Sorgen, Hoffnungen haben sie und wie kann der Schrifttext darauf Antwort geben? – all das sind wichtige Impulse, die dabei helfen, die Feier möglichst lebensnah zu gestalten. .

Wichtig ist es auch, dass in der Feier selbst Raum gegeben wird, in denen die Mitfeiernden Gott begegnen können, im persönlichen Gebet (still oder laut ausgesprochen); dass sie mit anderen in den Austausch über den Schrifttext und ihr Leben kommen und sich mit ihren Anliegen beteiligt fühlen.

Nach dem Mittagessen geht es dann ans konkrete Ausprobieren.

In vier Kleingruppen wählen sich die Teilnehmer eine Zielgruppe, für die sie eine kleine Gottesdienstsequenz möglichst lebensnah gestalten. In lebendigen Gesprächen tauschen sie sich zu einem ausgewählten Schrifttext aus und arbeiten an der liturgischen Umsetzung dieser Botschaft.




Bilinda Jungblut, Leiterin einer Kleingruppe, ist beeindruckt von dem intensiven Austausch: „Die offene und ehrliche Auseinandersetzung mit dem Bibeltext hat mich sehr berührt. So etwas erleben die Menschen viel zu selten, - und es ist doch so wichtig, dass sie viel öfter erfahren können, wie Gottes Botschaft auch heute noch unser Leben tragen kann.“

Anschließend werden die erarbeiteten kleinen Gottesdienstausschnitte mit allen gefeiert: ein Erinnerungsgottesdienst für trauernde Angehörige im November, eine Lichterfeier für Grundschulkinder im Advent; ein Gottesdienst für Frauen, in dem es um Heilung und Stärkung geht; und ein Mut-Mach-Gottesdienst für Jugendliche.




Am Ende des Tages fasst eine Teilnehmerin ihre Erfahrungen mit folgenden Worten zusammen: „Ich bin richtig erledigt! Wir haben heute fünf Liturgien gefeiert. Nach dem zweiten Gottesdienst hatte ich mir vorgenommen, in die anderen Feiern gedanklich nicht mehr so intensiv einzusteigen. Aber das ging nicht: Alle Gottesdienste haben mich innerlich so berührt, dass ich mich gar nicht entziehen konnte. Danke für diese Erfahrung!“


Text und Fotos: Gisela Fritsche