Ich weiß nicht, wie oft ich schon an dieser Tür geklingelt habe. Seit über einem halben Jahr besuche ich die 85 Jahre alte Witwe und begleite sie in ihrer Trauer um den verstorbenen Ehemann, mit dem sie 61 Jahre verheiratet war.
Als Kind geflüchtet aus Schlesien, hier in Ostwestfalen mühsam eine neue Heimat gesucht und erkämpft, lernte sie ihn als junge Frau kennen und lieben. Sie sind gemeinsam durchs Leben gegangen, haben sich den Traum von einem eigenen Haus erfüllt, eine Familie gegründet und Seite an Seite viele Höhen und Tiefen durchlebt.
Jetzt ist der geliebte Partner nicht mehr da. So viel Leere, so viel Schmerz, so viel zerbrochen … Und immer wieder die Frage: Wann hört es endlich auf, weh zu tun?
Woche um Woche sitze ich an ihrem Tisch, höre zu, halte aus, bin einfach da. Es gibt Tage, da reden wir viel: Über das, was besonders schmerzt. Über das, wofür sie dankbar ist. Über kleine Lichtblicke, die mich hoffen lassen, dass etwas zu heilen beginnt. Manchmal mischt sich sogar ein herzliches Lachen unter die Traurigkeit.
Und dann, beim nächsten Besuch, ist es wieder zurück, dieses große dunkle Loch, das jede vorsichtige Fröhlichkeit, jeden mühsam errungenen Schritt einfach verschlingt.
Es gibt Tage, da fällt das Hoffen schwer. Nicht, weil alles hoffnungslos wäre – sondern weil man müde wird. Vom Warten. Vom Kämpfen. Vom täglichen „Mach weiter“. Und ausgerechnet dann fällt mir dieser Vers von Hilde Domin ein:
„Nicht müde werden,
sondern dem Wunder
leise,
wie einem Vogel,
die Hand hinhalten.“
Wie oft will ich Hoffnung machen, erzwingen, herbeireden. Aber vielleicht ist Hoffnung gar nicht laut. Vielleicht ist sie nicht einmal stark. Vielleicht ist sie still. Zart. Flüchtig. Wie ein Vogel, der sich nur niederlässt, wenn man ruhig genug ist.
Die Trauer wird bleiben, ein Leben lang. Bei jener alten Dame. Bei den Eltern, die ein Kind zu Grabe tragen mussten. Bei denen, die einen Menschen durch Krieg oder Gewalt verloren haben.
Und trotzdem wird es Momente geben, die nach Zukunft schmecken. Augenblicke, die ahnen lassen, dass das Leben noch etwas bereithält.
Ein Hauch von Hoffnung.
Ein leises Wunder.
Ich glaube, genau das meint Hilde Domin: Nicht aufgeben, wenn das Wunder nicht sofort kommt. Nicht verbittern, wenn nichts passiert. Sondern offen bleiben. Bereit. Wach. Nicht müde werden – auch wenn das Wunder zögert.
Manchmal ist Hoffnung nur ein Lufthauch, kaum spürbar.
Aber ich habe gelernt: Wenn ich ruhig genug werde, meine Mutlosigkeit nicht festhalte mit geballter Faust – sondern offen bin, wie mit einer ausgestreckten Hand, dann geschieht manchmal genau das:
Ein kleiner Moment Licht.
Ein gutes Wort zur richtigen Zeit.
Ein Schritt nach vorn – ohne dass ich genau weiß, wie.
Und plötzlich sitzt da etwas auf meiner Hand. Zart. Lebendig. Hoffnungsvoll.
Bleiben Sie behütet!
Ihre Gisela Fritsche
Dekanatsreferentin
