Ich liebe es, im Juni abends lange draußen zu sitzen und zu genießen, dass es in dieser Zeit lange hell bleibt. Der Himmel hat auch am späten Abend immer noch ein Blau, das es nur im Sommer gibt. Die Vögel singen länger als sonst. Irgendwo klappert Geschirr aus einem offenen Fenster, weiter entfernt lachen Menschen im Garten. Und über allem liegt dieses Gefühl: Der Tag will noch nicht gehen.
Die Sommersonnenwende hat etwas Eigenartiges. Sie ist der längste Tag des Jahres – Licht im Überfluss. Und gleichzeitig markiert sie einen Wendepunkt. Denn kaum hat das Licht seinen Höhepunkt erreicht, werden die Tage langsam wieder kürzer. Vielleicht berührt uns diese Kehrtwende deshalb so sehr, weil wir darin etwas vom Leben selbst erkennen. Wir Menschen lieben Höhepunkte. Momente, in denen alles stimmt. Zeiten voller Kraft, Freude, Lebendigkeit. Der Sommer schenkt uns dieses Gefühl großzügig: lange Abende, Wärme auf der Haut, offene Fenster, der Duft von Gras und Rosen. Am liebsten würden wir solche Zeiten festhalten.
Aber die Natur macht etwas anderes. Sie klammert nicht. Sie feiert die Fülle – und akzeptiert zugleich die Veränderung. Ich finde: Genau darin liegt die Weisheit der Sommersonnenwende. Mitten im hellsten Licht erinnert sie uns daran, dass nichts bleibt, wie es ist. Nicht bedrohlich. Nicht traurig. Sondern einfach, weil es so ist.
Alles im Leben bewegt sich in Rhythmen: Wachsen und Ruhen. Blühen und Vergehen. Festhalten und Loslassen. Diese Wahrheit kann uns dankbarer machen. Denn wenn wir wissen, dass Augenblicke nicht ewig dauern, erleben wir sie bewusster. Vielleicht sitzen wir deshalb an Sommerabenden so gerne länger draußen und spüren dann, wie kostbar die Gegenwart ist. Die Sommersonnenwende lädt ein, das Leben zu feiern – ohne Besitzanspruch. Das Licht zu genießen, ohne Angst vor der kommenden Dunkelheit. Denn beides gehört zusammen. Mich tröstet der Gedanke, dass nichts ewig bleibt, – gute, aber auch schwere Zeiten gehen irgendwann vorüber. Weisheit besteht nicht darin, das festzuhalten, was vergeht, sondern darin, ganz darin anwesend zu sein.
Und wenn ich dann schließlich an so einem späten Juniabend aufstehe, um vom Garten ins Haus zu gehen, ist der Himmel immer noch hell genug, um den Weg zu sehen. Und ich denke: Eigentlich ist das doch alles, was wir manchmal brauchen: Genug Licht für den nächsten Schritt.
Bleiben Sie behütet!
Ihre Gisela Fritsche
Dekanatsreferentin
Du Gott des Lichtes,
danke für die hellen Tage,
für Wärme, Lebendigkeit
und alles, was in mir wächst.
Bewahre mich davor,
das Schöne festhalten zu wollen.
Lehre mich,
die Fülle zu genießen
und dem Wandel zu vertrauen.
Wenn das Licht groß ist,
lass mich dankbar sein.
Wenn es leiser wird,
lass mich hoffen.
Und schenke mir für jeden Tag
genug Licht
für den nächsten Schritt.
Amen.