Heute steht etwas auf der Speisekarte, das nicht so leicht zu verdauen ist. Eigentlich passt das so gar nicht in diese Jahreszeit. Wir sind mitten in den Sommerferien. Viele Menschen genießen den Urlaub, freie Tage, lange Abende im Garten, Eis in der Sonne und das Gefühl, für eine Weile leichter leben zu dürfen. Der Sommer lädt dazu ein, das Schwere eine Zeit lang hinter sich zu lassen.
Normalerweise würde ich mich dieser Einladung gerne anschließen. Vielleicht habe ich deshalb eine Weile gezögert, diese Zeilen aufzuschreiben. Doch das Leben richtet sich nicht immer nach dem Kalender. Manchmal fällt ein Schatten über einen sonnigen Tag. Nicht, weil die Sonne verschwunden wäre, sondern weil Freude und Trauer, Leichtigkeit und Schwere oft näher beieinander liegen, als wir es wahrhaben möchten. Und genau deshalb möchte ich heute ein paar Gedanken teilen, die mich in den vergangenen Wochen begleitet haben.
Vor einigen Wochen ist ein lieber Kollege gestorben. Seine Krankheit war zwar bekannt, aber wir wussten nicht, wie ernsthaft es wirklich war. Wir alle gingen davon aus, dass er sich nach einer OP, Reha und anschließender Behandlung wieder langsam erholen würde. Klar, wir rechneten damit, dass es Zeit brauchen würde. Aber wir waren nicht darauf gefasst, dass der Krebs ihm keine Chance ließ und am Ende alles so schnell ging. Erst im Nachhinein haben wir erfahren, dass er selbst um seinen Zustand wusste. Er wusste, dass es nicht mehr um Heilung, sondern nur noch um das Erkämpfen von wenigen Jahren ging. Und auch diesen Kampf hat er schließlich verloren.
Was mich heute beschäftigt, ist nicht nur sein Tod. Es ist auch die Tatsache, dass wir keine Gelegenheit mehr hatten, uns zu verabschieden. Er wollte das Wissen um sein nahes Ende nicht mit uns teilen. Das war seine Entscheidung, und ich respektiere sie.
Und doch bleiben Fragen zurück. Fragen, die mich in den letzten Tagen immer wieder begleitet haben:
Wie würde ich selbst entscheiden?
– Wenn ich wüsste, dass meine Zeit begrenzt ist. Wenn ich wüsste, dass der Horizont näher gerückt ist?
Würde ich mit anderen darüber sprechen?
Würde ich meine Gedanken teilen, Erinnerungen erzählen, bewusst Abschied nehmen?
Oder würde ich diesen Weg lieber allein gehen?
Ich weiß es nicht. Es gibt keine eindeutige Antwort auf diese Frage. Jeder Mensch trägt seine Endlichkeit anders.
Der eine braucht Gespräche. Die andere braucht Stille. Der eine möchte alles ordnen. Die andere möchte das Leben einfach weiterleben, solange es geht.
Und doch merke ich, wie sehr mich diese Gedanken beschäftigen. Nicht, weil ich ständig an den Tod denken möchte. Sondern weil die Frage nach dem Ende immer auch eine Frage nach dem Leben ist.
Was wäre mir wichtig?
Wem würde ich gerne noch etwas sagen?
Welche Versöhnung würde ich nicht länger aufschieben wollen?
Welche Dankbarkeit wartet darauf, ausgesprochen zu werden?
Welche Menschen sollen wissen, dass sie mir etwas bedeuten?
Vielleicht leben wir oft in der stillen Annahme, dass dafür später noch Zeit ist. Irgendwann. Nächste Woche. Im nächsten Jahr. Doch niemand von uns kennt seinen Horizont. Wir wissen nur, dass es ihn gibt.
Ich verstehe die Horizont-Realität nicht als Drohung, sondern als Einladung, das Wesentliche nicht zu vertagen. Liebe nicht auf später zu verschieben. Dankbarkeit nicht unausgesprochen zu lassen. Und Begegnungen nicht als selbstverständlich zu betrachten.
Der Horizont begleitet uns alle. Er erinnert uns daran, dass das Leben kostbar ist – gerade, weil es uns nicht unbegrenzt zur Verfügung steht.
Was hinter dem Horizont liegt, weiß ich nicht. Mein christlicher Glaube verspricht mir ein Leben in Fülle bei Gott. Daran halte ich mich fest. Aber heute beschäftigt mich vor allem eine andere Frage:
Wie möchte ich leben, bevor ich den Horizont erreiche?
Denn irgendwann wird aus jedem „Später“ ein „Zu spät“.
Und vielleicht ist heute genau der richtige Tag für das, was wir schon lange sagen, tun oder wagen wollten.
Bleiben Sie behütet!
Ihre Gisela Fritsche
Dekanatsreferentin
Gott,
du hast uns das Leben geschenkt,
kostbar und zerbrechlich zugleich.
Oft leben wir, als hätten wir unendlich viel Zeit.
Wir verschieben Worte,
halten Gefühle zurück,
warten auf den richtigen Moment.
Doch nicht alles lässt sich auf später vertagen.
Darum bitte ich dich:
Schenke mir Mut, das Wichtige nicht aufzuschieben.
Lass mich Dankbarkeit aussprechen, wo sie fällig ist.
Lass mich um Verzeihung bitten, wo ich anderen etwas schuldig geblieben bin.
Lass mich Liebe verschenken, solange Begegnung möglich ist.
Und wenn mich die Fragen nach Anfang und Ende bewegen,
dann halte mich in deiner Hoffnung.
Lehre mich, jeden Tag als Geschenk zu leben.
Und begleite mich auf meinem Weg –
bis zu jenem Horizont, den nur du ganz kennst.
Amen.