Ich war mit meinem Hund unterwegs und hatte mich für die lange Runde entschieden. Die Sonne schien, ich war ohne Jacke unterwegs, ein wenig zu optimistisch vielleicht – typisch April. Und dann, ohne große Vorwarnung: Regen! Erst ein paar Tropfen, dann mehr. Kein sanfter Niesel, sondern ein entschlossener Schauer. Natürlich hatte ich keinen Schirm dabei. Natürlich war weit und breit kein Dach. Erst überlegte ich, umzukehren. Aber dazu waren wir schon zu weit gelaufen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als weiterzugehen. Mit jedem Schritt wurde ich nasser. Die Haare klebten, die Kleidung wurde schwer, und ich dachte: Warum eigentlich jetzt?
Ich wollte schneller gehen. Aber das gefiel Hilde (so heißt unser Hund) überhaupt nicht. Hilde liebt nämlich Regen! Mit einem zufriedenen Ausdruck und wedelndem Schwanz verlangsamte sie ihr Tempo und schnüffelte genüsslich an jedem Grashalm und jedem Baum. Sie liebt es auch, durch Pfützen zu laufen und das frische Regenwasser zu schlürfen. Und davon gab es mittlerweile genügend. Ich wurde ungeduldig, ärgerlich – und immer nasser. Aber ich wusste auch: gegen Hilde konnte ich mich bei so einem Regenschauer nicht durchsetzen.
Also nahm ich mir an Beispiel an ihr und hörte auf, mich zu wehren. Der Regen fiel – gleichmäßig, fast ruhig. Die Welt wurde stiller. Geräusche gedämpfter. Die Luft roch plötzlich frisch, fast neu. Und mitten in diesem Nass merkte ich: Es ist gar nicht nur unangenehm. Es ist auch… lebendig.
Als Kind habe ich bei Regen oft ein Lied gesungen: „Es regnet, Gott segnet, die Erde wird nass. Mach mich nicht nass, mach mich nicht nass, mach nur die bösen Kinder nass.“ Heute muss ich darüber schmunzeln – und gleichzeitig stolpere ich darüber. Denn was für ein Bild steckt da eigentlich drin? Ein Gott, der den Regen verteilt wie eine Strafe. Der unterscheidet zwischen „braven“ und „bösen“ Kindern. Und ich mittendrin – hoffentlich auf der trockenen Seite.
Vielleicht tragen wir solche Bilder länger in uns, als wir denken: Dass das Schwere immer die anderen treffen möge.
Dass wir verschont bleiben. Dass Regen etwas ist, das besser an uns vorbeigeht. Aber das Leben funktioniert nicht so. Und – Gott sei Dank – auch Gott nicht. Der Regen fällt nicht, um zu strafen. Er fällt, damit etwas wachsen kann.
Der April ist ein Monat voller Überraschungen. Sonne und Regen wechseln sich ab, oft schneller, als man sich darauf einstellen kann. Eben noch Licht, dann Wolken, dann wieder ein Aufklaren. Es ist, als würde die Natur selbst sagen: Das Leben ist nicht entweder oder – es ist beides. Nicht jeder Regen fühlt sich wie ein Segen an. Manche Zeiten im Leben sind grau, schwer, unerquicklich. Tränen gehören dazu, genauso wie Tage, an denen wir uns einfach nur durchnässt fühlen – von Sorgen, von Enttäuschungen, von dem, was nicht so geworden ist, wie wir es uns erhofft hatten.
Im April lernen wir: Das Leben ist nicht planbar. Aber es ist fruchtbar.
Als ich mit Hilde schließlich zuhause ankam, war ich nass bis auf die Haut. Aber auch irgendwie beschenkt. Ich hatte den Regen nicht ausgesucht – aber ich war ihm begegnet. Vielleicht liegt darin eine Einladung dieses Monats:
Nicht vor jedem Regen davonzulaufen. Nicht alles sofort als Störung zu bewerten. Sondern manchmal stehenzubleiben und zu fragen: Was wächst gerade – auch wenn ich es noch nicht sehe? Und vielleicht entdecken wir dann: Manche Segnungen kommen nicht im Sonnenschein. Sondern tropfenweise.
Bleiben Sie behütet!
Ihre Gisela Fritsche
Dekanatsreferentin
Gott des Lebens,
du lässt Neues wachsen,
oft leise und verborgen.
Du kennst die Tage voller Licht
und die Zeiten, in denen Regen auf mein Leben fällt.
Hilf mir, beides anzunehmen:
die Freude des Aufbruchs
und das stille Reifen dazwischen.
Wenn ich ungeduldig werde, erinnere mich daran,
dass Wachstum Zeit braucht.
Wenn ich den Regen scheue, lass mich spüren,
dass auch er Leben bringt.
Zwischen Ostern und Pfingsten lege ich dir alles hin,
was in mir noch unfertig ist,
was Zeit braucht,
was ich nicht beschleunigen kann.
Segne mein Warten,
segne mein Reifen,
segne mein Werden.
Und schenke mir Vertrauen,
dass du längst am Werk bist –
auch dort, wo ich noch nichts sehe.
Amen.