Ich stand an einer dieser Ampeln, die gefühlt ewig auf Rot bleiben. Kein Auto weit und breit. Die Straße leer. Nur ich im Wartemodus – und dieses unbeirrbare, leuchtende Rot. Mein erster Impuls: einfach losgehen. Mein zweiter: seufzen. Mein dritter: stehen bleiben.
Also wartete ich. Widerwillig. Und während ich wartete, bemerkte ich etwas Merkwürdiges: Wie schwer es mir fällt, nichts zu tun. Selbst für ein paar Sekunden.
Der März ist ein Monat wie diese Ampel. Eigentlich will alles schon loslegen. Die ersten Knospen sind da, die Sonne zeigt sich vorsichtig, die Luft riecht nach Aufbruch. Und doch ist es noch nicht ganz so weit. Der Winter hält sich im Hintergrund, als würde er sagen: „Noch nicht. Hab Geduld.“
Mitten in diesen Übergang hinein fällt die Fastenzeit. Vierzig Tage, die wie ein bewusst gesetztes Rot wirken. Ein Anhalten im Jahreslauf. Ein freiwilliges Warten. Fasten heißt ja nicht nur verzichten. Es heißt auch: langsamer werden. Gewohnheiten prüfen. Nicht jedem Impuls sofort folgen. Nicht jedes „Ich will jetzt“ sofort in ein „Ich bekomme jetzt“ verwandeln.
Die Ampel zwingt uns zum Warten. Und auch die Fastenzeit lädt uns ein zum Anhalten. Beides fühlt sich zunächst nach Einschränkung an. Rot bedeutet: Stopp. Noch nicht. Geduld. Und doch kann genau darin eine stille Freiheit liegen. Wenn ich nicht sofort weiterhetze, wenn ich nicht alles beschleunige, entsteht Raum. Raum zum Wahrnehmen. Raum zum Fragen. Raum für Gott. An einer roten Ampel können wir nichts beschleunigen. Wir sind gezwungen, innezuhalten. Und in diesem Innehalten geschieht oft mehr, als wir denken. Wir nehmen wahr, was wir sonst übersehen: das Licht auf den Hausfassaden, das Zwitschern eines Vogels, unseren eigenen Atem.
Warten ist kein leeres Nichts.
Es ist ein Raum.
Ein Raum zwischen „noch nicht“ und „gleich“.
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit.
Zwischen Aufbruch und Ankunft.
Vielleicht ist die Fastenzeit genau so ein Raum. Kein Rückschritt, sondern ein bewusstes Dazwischen. Eine Zeit, in der wir üben, nicht sofort bei Grün loszustürmen, sondern das Rot ernst zu nehmen. Was hält mich eigentlich an? Was treibt mich an? Welche Ampeln in meinem Leben ignoriere ich vielleicht viel zu oft?
Als die Ampel schließlich auf Grün sprang, ging ich los. Nicht schneller als vorher, aber aufmerksamer. Ich hatte gemerkt: Die Welt geht nicht unter, wenn ich ein paar Atemzüge länger stehe.
Vielleicht ist das die stille Einladung dieses Monats:
Nicht jedes Rot ist ein Hindernis.
Manches ist eine Einladung zum Vertrauen.
Und manchmal beginnt der eigentliche Aufbruch genau dort, wo wir gelernt haben zu warten.
Ich wünsche Ihnen in den nächsten Wochen immer mal wieder eine kleine Ampelzeit!
Und bleiben Sie behütet!
Ihre Gisela Fritsche
Dekanatsreferentin
Du Gott der Zwischenzeiten,
du kennst meine Unrast,
mein Drängeln nach Grün,
meine Ungeduld bei Rot.
Lehre mich das Warten.
Nicht als Stillstand,
sondern als Raum.
Gib mir Mut,
meine Fastenzeiten anzunehmen –
die freiwilligen
und die auferlegten.
Wenn ich anhalte,
lass mich hören,
was sonst im Lärm untergeht.
Wenn ich warten muss,
lass mich vertrauen,
dass du längst am Werk bist.
Und wenn das Grün erscheint,
schenke mir Klarheit
für den nächsten Schritt.
Amen.