Erzbistum Paderborn beantwortet kritische Fragen

11. Februar 2022
Große Teilnahme an digitaler Podiumsdiskussion zu Aufarbeitung und Outing

Es sind zwei verschiedene Themenkomplexe und beide gehören sie zu den in der katholischen Kirche aktuell brennendsten Fragen: die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Kirche und der Umgang mit queeren Menschen nach ihrem Outing. Bei einer digitalen Podiumsdiskussion am Donnerstagabend, 10. Februar 2022, hat das Erzbistum Paderborn unter großer Teilnahme zu diesen Fragen Rede und Antwort gestanden.

In einem Eingangsstatement kündigte Generalvikar Alfons Hardt eine rasche Überarbeitung des kirchlichen Arbeitsrechts an: „Ich gehe davon aus, dass im Juni eine grundlegend veränderte Grundordnung des kirchlichen Dienstes von den Bischöfen beschlossen wird“, berichtete Generalvikar Hardt aus dem Verwaltungsrat der deutschen Diözesen. Über ein verändertes Arbeitsrecht hinaus forderte der Generalvikar des Paderborner Erzbischofs ein neues „wertschätzendes Grundverständnis“ für queer lebende Menschen. Auch die Ordnung für die Erteilung der Missio canonica für Religionslehrkräfte werde derzeit überarbeitet. Bis zum Beschluss einer neuen Ordnung durch die Deutsche Bischofskonferenz werden die momentan geltenden Kriterien im Erzbistum ausgesetzt.

Als Podiumsgäste beantworteten der Leiter des Bereiches Pastorale Dienste im Erzbischöflichen Generalvikariat, Monsignore Dr. Michael Bredeck, und der Leiter des Bereiches Pastorales Personal, Prälat Thomas Dornseifer, die Fragen der Gläubigen, die diese im Vorfeld eingereicht hatten. Weitere Ansprechpersonen auf dem Podium waren Julia Kroker als Leiterin der Abteilung Personal, Indra Wanke als Leiterin des neuen Arbeitskreises „Qeersensible Pastoral“ im Erzbistum und Thomas Wendland als Interventionsbeauftragter der Erzdiözese. Als externe Gäste diskutierten Nadine Mersch als Vorsitzende des Diözesankomitees Paderborn und Mitglied des Synodalen Wegs sowie Maik Schmiedeler von der Initiative #OutInChurch und Viola Hellmuth vom queeren Jugendtreff Ohana in Paderborn mit.

Vielgestaltige Glaubensgemeinschaft

Viola Hellmuth berichtete, dass viele queere Jugendliche sich wünschen, in der Kirche willkommen zu sein – stattdessen herrsche das Gefühl vor, nicht erwünscht zu sein. „Vieles in der Kirche hat sich zu langsam und zu spät entwickelt, durch einen zu langen Stillstand ist viel Vertrauen kaputt gegangen“, sagte die Leiterin des queeren Jugendtreffs. Maik Schmiedeler, der katholische Religion an einer staatlichen Schule unterrichtet und selber homosexuell ist, beschrieb die derzeit noch vorhandene Problematik, „persönlichen Auslegungen des kirchlichen Arbeitsrechts ausgeliefert“ zu sein. „Es ist gut, dass die zügige Reform der Grundordnung jetzt angestoßen werden konnte“, so der Pädagoge. Auch Personalleiterin Julia Kroker bestätigte: „Eine verbindliche Grundordnung, die wir voraussichtlich ab Sommer haben werden, gibt allen Seiten Rechtssicherheit.“

Auch für nicht-binäre oder Trans-Mitarbeitende erhofft sich das Erzbistum Orientierung durch die Reform der Grundordnung. „Wir müssen die Lebenswirklichkeit der Menschen ernst nehmen“, stellte Prälat Dornseifer unmissverständlich fest. Das bedeute nicht, „sich unreflektiert an den Zeitgeist anzupassen“. Aber es gelte, die „Botschaft Jesu immer wieder neu zu übersetzen“.

Räume des Willkommenseins

Erzbischof Hans-Josef Becker hat Anfang 2022 den diözesanen Arbeitskreis „Queersensible Pastoral“ eingerichtet. „Wir wollen queere Menschen im Erzbistum sichtbar machen und Räume des Willkommenseins schaffen“, erklärte Indra Wanke als Sprecherin des Arbeitskreises. Bereits vorhandene Angebote für queere Menschen würden gebündelt und vernetzt. Mit dem Arbeitskreis setzt das Erzbistum eine zentrale Forderung des Zielbildes für seinen Diözesanen Weg 2030+ um, erläuterte Monsignore Dr. Bredeck: Auf dem Fundament des Evangeliums will die Kirche im Erzbistum eine vielgestaltige und lebendige Glaubensgemeinschaft sein, in der Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen eine Heimat finden. „Ich bin überzeugt, dass unser Zielbild Teil der Lösung für viele der heute diskutierten Fragen ist“, sagte Dr. Bredeck.

Nadine Mersch ordnete die Diskussionspunkte als Mitglied des Synodalen Weges sowie als Vorsitzende des Diözesankomitees ein. Sicherlich gebe es nach der dritten Synodalversammlung von vergangener Woche noch viel zu tun, konstatierte Mersch: „Aber wir sollten dankbar sein für die Schritte, die jetzt erst einmal da sind und diese Schritte auch gehen.“

Konsequente Aufarbeitung

Im zweiten Teil der Diskussion machten die Podiumsteilnehmenden deutlich, dass das Erzbistum Paderborn sich konsequent dafür einsetzt, Missbrauch in jeder Hinsicht entgegen zu wirken und Präventivmaßnahmen auszubauen. Die Einrichtung einer unabhängigen diözesanen Aufarbeitungskommission sei seitens der Erzdiözese vorbereitet. „Wichtig ist, dass wir Betroffene zu Wort kommen lassen und ihnen auf Augenhöhe begegnen“, forderte der Interventionsbeauftragte Thomas Wendland.

Das Erzbistum Paderborn arbeite ebenso wie die deutsche katholische Kirche bei der Aufarbeitung mit unabhängigen Einrichtungen und staatlichen Stellen zusammen, informierte der Interventionsbeauftragte: Dazu zähle die Einbindung der unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen, des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung und auch die umfänglichen Offenlegungen gegenüber den Staatsanwaltschaften. Zudem werde derzeit eine unabhängige historische Missbrauchsstudie von der Universität Paderborn erstellt. Die Aufarbeitung, die über den Untersuchungszeitraum der Studie hinausgeht, werde die unabhängige diözesane Aufarbeitungskommission übernehmen. „Wichtig ist, mit unserer Arbeit jetzt dafür zu sorgen, dass Kinder heute frühzeitig geschützt werden und dass die Kirche für Betroffene trotz aller Verletzungen vielleicht wieder eine Heimat werden kann“, fasste Thomas Wendland zusammen.

Lernende Glaubensgemeinschaft

Viele Fragen wurden bei der Podiumsveranstaltung behandelt – wenn sie auch nicht abschließend geklärt werden konnten. „Die Kirche im Erzbistum Paderborn ist als lernende Glaubensgemeinschaft gemeinsam auf dem Weg, um die drängenden Fragen aufrichtig und transparent gemeinsam weiter anzugehen“, betonte Monsignore Dr. Michael Bredeck. Ihre verlorene Glaubwürdigkeit könne die Kirche nur dann wiedergewinnen, wenn sie ihrem Auftrag gemäß konsequent den Menschen in den Mittelpunkt stellt. „Der Platz der Kirche muss bei den Menschen sein, vor allem bei jenen, die leidvolle Erfahrungen gemacht haben – auch durch Missbrauch oder Diskriminierung“, so Prälat Thomas Dornseifer.

Mehrere Beteiligungsmöglichkeiten wurden bei der Podiumsdiskussion intensiv genutzt: Im Vorfeld der Veranstaltung konnten Fragen eingereicht werden, ein umfangreicher Katalog mit Antworten auf die wichtigsten Fragen wurde zur Verfügung gestellt, ebenso wie eine Hotline und ein E-Mail-Service. Nicht zuletzt tauschten sich die Gläubigen während der Veranstaltung untereinander im Chat aus. Dabei ergab sich ein gemischtes Bild: Viele begrüßten die bereits gemachten Fortschritte, aber mahnten auch ganz deutlich an: Die Kirche muss am Ball bleiben.